Bilfinger Quartalsmitteilung Q2 2020

13.08.2020

Rückgang von Umsatz und Ergebnis im zweiten Quartal 2020 wie erwartet; Erholungstendenzen im Juni; solider Cashflow und stabile Finanzlage

  • Märkte: langsame Erholung im Juni, weitere Verbesserungen in der zweiten Jahreshälfte 2020 erwartet
  • Fortschritt: Großaufträge für Hinkley Point C im Juni unterzeichnet
  • Wesentliche Altlasten bewältigt
  • Auftragseingang 931 Mio. €/-15% org.: im ersten Halbjahr nur -3% org., solide Entwicklung im Breitengeschäft auch im zweiten Quartal
  • Umsatz 793 Mio. €/-29% org.: Tiefpunkt wie erwartet im April und Mai, Wendepunkt im Juni, im ersten Halbjahr -19% org.
  • EBITA bereinigt -35 Mio. €: im Zuge des starken Umsatzrückgangs und daraus folgender temporärer Unterauslastung
  • Berichteter Free Cashflow 129 Mio. €: robust dank aktivem Working Capital Management, unterstützt durch Stundung von Steuerzahlungen
  • Liquidität: stabile Finanzlage, kein zusätzlicher Finanzierungsbedarf erwartet
  • Ausblick für 2020 bestätigt: Umsatzrückgang von rund 20%, bereinigtes EBITA positiv

Bilfinger kann auf Basis der Entwicklung im ersten Halbjahr 2020 die im Mai gegebene Prognose für das Gesamtjahr bestätigen. Das schwierige wirtschaftliche Umfeld infolge der COVID-19 Pandemie sowie die Auswirkungen der erheblichen Ölpreisvolatilität seit März 2020 führten erwartungsgemäß zu einem deutlichen Umsatzrückgang sowie zu Verlusten im zweiten Quartal 2020. Allerdings war der Geschäftsverlauf im Juni bereits besser als im April und Mai. Dies ist auf die Lockerung der europäischen Marktbeschränkungen im Zusammenhang mit der Pandemie, einen leichten Anstieg der Nachfrage und die Anpassung der Kostenstrukturen im Unternehmen zurückzuführen.

Aufgrund der heute effizienteren und agileren Organisation konnte Bilfinger sowohl die Zahl der Leiharbeitnehmer reduzieren als auch die Fixkostenbasis mit einer im Vergleich zum Vorjahr um rund 6.000 Mitarbeiter niedrigeren Beschäftigtenzahl. Dies betraf vor allem Nordamerika, Nordeuropa, Großbritannien, Belgien und die Niederlande. Darüber hinaus haben staatliche Subventionen, beispielsweise Lohnkostenzuschüsse, die Unterauslastung in den betroffenen Geschäftsbereichen teilweise kompensiert, die durch den starken Rückgang der Aktivitäten verursacht wurde. Ende Juni galten Kurzarbeitsregelungen für rund 10 Prozent der Beschäftigten in Europa. Ein striktes Kostenmanagement mit temporär und nachhaltig wirkenden Maßnahmen ermöglichte die Senkung der Vertriebs- und Verwaltungskosten auf einen Wert deutlich unterhalb des Budgets.

CEO Tom Blades: „Das war für Bilfinger ein intensives Quartal mit Bezug zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wir haben zwei große Altlasten aus früheren Jahren bewältigt, und sind weiterhin konsequent und effizient mit den aktuellen Herausforderungen durch COVID und den Ölpreis umgegangen. Gleichzeitig haben wir sichergestellt, dass die ergriffenen Maßnahmen zu einem schlankeren und agileren Unternehmen für die Zukunft führen.“

Entwicklung des Konzerns im zweiten Quartal 2020
Der Auftragseingang verringerte sich gegenüber dem hohen Vorjahresniveau (1.133 Mio. €) um organisch 15 Prozent auf 931 Mio. €. Trotz des anspruchsvollen Marktumfelds verzeichnete Bilfinger eine zufriedenstellende Entwicklung im Breitengeschäft, der Beitrag aus Großprojekten ging jedoch zurück. Im ersten Halbjahr belief sich der organische Rückgang des Auftragseingangs auf lediglich 3 Prozent. Dieser beinhaltete rund 80 Mio. € aus den Verträgen zum Neubau des Kernkraftwerks Hinkley Point C in Großbritannien, die insgesamt mehr als 500 Mio. € umfassen. In der zweiten Jahreshälfte wird es hieraus weitere Abrufe von bis zu 150 Mio. € geben, die restlichen 250 Mio. € werden 2021 folgen.

Die Auftragslage war insgesamt gut, das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz (Book-to-Bill) lag im zweiten Quartal bei 1,2. Der Auftragsbestand Ende Juni war gegenüber dem Vorjahr (2.712 Mio. €) mit 2.667 Mio. € organisch stabil. Wie erwartet ging der Umsatz zurück, er lag organisch um 29 Prozent unter dem Vorjahreswert (1.147 Mio. €) und belief sich auf 793 Mio. €. Dabei waren insbesondere die Offshore-Aktivitäten in der Nordsee in Großbritannien (Aberdeen) und Norwegen (Stavanger) sowie das nordamerikanische Projektgeschäft stark rückläufig. Die daraus resultierende Unterauslastung führte zu einem Rückgang der Bruttomarge auf 4,3 Prozent (Vorjahr: 8,5 Prozent). Die bereinigte Vertriebs- und Verwaltungskostenquote (SG&A) erhöhte sich infolge des geringeren Umsatzes auf 9,2 Prozent (Vorjahr: 7,9 Prozent), die absoluten Vertriebs- und Verwaltungskosten verbesserten sich im Berichtszeitraum dagegen weiter auf 73 Mio. € (Vorjahr: 91 Mio. €). Hier wirken sich die positiven Effekte aus dem laufenden SG&A-Effizienzprogramm und einem strikten Kostenmanagement aus.

Da Kostensenkungen und staatliche Subventionen wie Lohnkostenzuschüsse den Rückgang des Bruttogewinns nicht vollständig kompensieren konnten, verringerte sich das bereinigte EBITA auf -35 Mio. € (Vorjahr: 17 Mio. €). Dies entspricht einer bereinigten EBITA-Marge von
-4,4 Prozent, verglichen mit 1,5 Prozent im Vorjahreszeitraum. Zusätzliche Restrukturierungsmaßnahmen im Segment Technologies führten zu einer leichten Zunahme der Sondereinflüsse auf -16 Mio. € (Vorjahr: -15 Mio. €). Diese beinhalten im Berichtszeitraum einen positiven Effekt von 17 Mio. € im Zusammenhang mit der Einigung mit ehemaligen Vorstandsmitgliedern, der entsprechende Liquiditätszufluss aus Versicherungszahlungen wurde im Juli verzeichnet.

Mit der außergerichtlichen Einigung in einer langjährigen Auseinandersetzung über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Jahr 2009 wurde im zweiten Quartal eine weitere Altlast bewältigt. Die von Bilfinger zu leistenden Zahlungen in Höhe von insgesamt 200 Mio. € werden vollständig von den Versicherern des Unternehmens übernommen. Der Vergleich wird daher, wie von Bilfinger erwartet, keine Auswirkungen auf die Ertrags- und Finanzlage des Konzerns haben.

Segment Engineering & Maintenance Europe
Im Segment E&M Europe lag der Auftragseingang mit 619 Mio. € organisch 11 Prozent unter dem starken Vorjahreswert von 715 Mio. €. Ein hohes Book-to-Bill-Verhältnis von 1,3 führte zu einem organisch stabilen Auftragsbestand von 1.646 Mio. € (Vorjahr: 1.692 Mio. €). Der Umsatz ging erwartungsgemäß stark um organisch 24 Prozent auf 491 Mio. € (Vorjahr: 664 Mio. €) zurück. Dies hatte Unterauslastungen von Kapazitäten in Norwegen (Stavanger), Großbritannien (Aberdeen), Belgien und Polen zur Folge. Der Juni markierte jedoch den Wendepunkt in diesen Ländern. Das bereinigte EBITA blieb trotz des niedrigen Umsatzniveaus positiv, es betrug 2 Mio. € (Vorjahr: 27 Mio. €), bei einer Marge von 0,4 Prozent (Vorjahr: 4,1 Prozent). Hier wirkten sich ein agiles Kostenmanagement mit dem Einsatz von Kurzarbeit sowie einem Personalabbau in den betroffenen Ländern aus.

Segment Engineering & Maintenance International
Der Auftragseingang im Segment E&M International hat sich mit einem Rückgang von 246 Mio. € auf 135 Mio. € beinahe halbiert. Dabei waren sowohl im nordamerikanischen Projektgeschäft als auch im Nahen Osten niedrige Werte zu verzeichnen. Nach einem starken Vorjahresquartal in Nordamerika ging der Segmentumsatz organisch um 52 Prozent auf 131 Mio. € zurück (Vorjahr: 267 Mio. €). Im U.S.-Geschäft stehen größere Projekte kurz vor dem Abschluss. Außerdem hat insbesondere Texas stark unter den Auswirkungen der COVID-19 Pandemie gelitten, so dass die Kapazitäten in der dortigen, mit Projekten befassten Einheit nicht ausgelastet waren. Hier wird trotz erheblicher Personalanpassungen eine gewisse Unterauslastung bis zum Jahresende fortbestehen. Das bereinigte EBITA des Segments sank auf -12 Mio. € (Vorjahr: 8 Mio. €), die Marge lag bei -9,5 Prozent (Vorjahr: 2,8 Prozent).

Segment Technologies
Der Auftragseingang bei Technologies stieg organisch leicht um 3 Prozent auf 114 Mio. € (Vorjahr: 113 Mio. €) an. Die Unterzeichnung weiterer Hinkley Point C-Verträge im Juni wird zu erheblichen Abrufen in der zweiten Jahreshälfte führen. Diese Projekte werden in interner Kooperation unter der Leitung von Einheiten des Segments Technologies ausgeführt, die von Einheiten aus dem Segment E&M Europe unterstützt werden. Das Book-to-Bill-Verhältnis von Technologies lag bei 1,1, was im Vergleich zum Vorjahr (468 Mio. €) zu einem organischen Anstieg des Auftragsbestands um 17 Prozent auf 546 Mio. € führte. Der Umsatz verringerte sich im Berichtsquartal aufgrund von COVID-19-Einschränkungen, insbesondere in Österreich und Frankreich, organisch um 20 Prozent auf 108 Mio. € (Vorjahr: 136 Mio. €). Das bereinigte EBITA des Segments blieb mit -20 Mio. € (Vorjahr: -12 Mio. €) deutlich unter den ursprünglichen Erwartungen. Dies ist auf vorübergehende Unterauslastung, aber auch auf zwei Einheiten mit schwacher Perfomance zurückzuführen. Hier sind strategische Maßnahmen auf gutem Weg.

Robuste Entwicklung des Free Cashflow
Das Konzernergebnis ging aufgrund des deutlich negativen EBIT stark auf -60 Mio. € (Vorjahr:
-6 Mio. €) zurück. Dagegen verbesserte sich der berichtete Free Cashflow durch aktives Working Capital Management und die Nutzung von Möglichkeiten zur Stundung von Steuern und Sozialabgaben in einigen Ländern deutlich auf 129 Mio. € (Vorjahr: -36 Mio. €).

Eine solide Bilanz und Maßnahmen zur Sicherung der Liquidität sind auch in Zukunft gewährleistet. Kein Finanzierungsinstrument des Konzerns hat eine Fälligkeit vor 2022.

Ausblick für Konzern und Segmente im Jahr 2020
Für das Jahr 2020 bestätigt Bilfinger die Mitte Mai veröffentlichte Prognose. Das Unternehmen erwartet einen Umsatzrückgang von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr (4,3 Mrd. €) sowie ein bereinigtes EBITA deutlich unter dem Vorjahresniveau (104 Mio. €), das aber noch positiv bleibt.

Bilfinger erwartet sowohl bei E&M Europe als auch bei E&M International einen deutlichen Rückgang des Umsatzes und des bereinigten EBITA; beide Segmente werden dabei voraussichtlich weiterhin einen positiven Ergebnisbeitrag liefern. Der Umsatzrückgang bei Technologies wird voraussichtlich weniger stark ausfallen. Zu erwarten ist, dass dieses Segment nach einem Verlust im Jahr 2019, der durch Altprojekte und ein Unternehmen in Transformation verursacht worden war, im Jahr 2020 noch eine deutliche Ergebnisverbesserung erzielen wird. Das bereinigte EBITA wird im Geschäftsjahr 2020 jedoch negativ bleiben.

Obwohl ein negatives Konzernergebnis erwartet wird, rechnet das Unternehmen für 2020 weiterhin mit einem positiven berichteten Free Cashflow (2019: 57 Mio. €).

Bilfinger geht bei seinem aktuellen Ausblick davon aus, dass die größten Belastungen durch die COVID-19 Pandemie im zweiten Quartal aufgetreten sind, gefolgt von einer allmählichen Erholung in der zweiten Jahreshälfte. Der erwarteten Umsatzentwicklung liegt auch die Annahme zugrunde, dass keine weiteren Projekte und Turnarounds in das Jahr 2021 verschoben werden. Das positive bereinigte EBITA basiert auf der Annahme, dass die staatlichen Lohnkostenzuschüsse mit fortschreitender Erholung des Geschäfts auf entsprechend niedrigerem Niveau weitergeführt werden. Der aktuelle Ausblick geht jedoch nicht von einer signifikanten Erholung des Ölpreises aus.

Angesichts der globalen Dimension und der unverändert begrenzten Vorhersehbarkeit der COVID-19-Pandemie wird das Unternehmen die Situation intensiv beobachten und alle Anstrengungen unternehmen, um weitere mögliche negative Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns abzuschwächen.

 

Kennzahlen des Konzerns

in Mio. €
  Q2 GJ
  2020 2019 ∆ in % 2019
Auftragseingang 931 1.133 -18
(org: -15)
4.159
Auftragsbestand 2.667 2.712 -2
(org: 1)
2.567
Umsatz 793 1.147 -31
(org: -29)
4.327
EBITDA bereinigt -8 44   212
EBITA bereinigt -35 17   104
EBITA-Marge bereinigt
(in %)
-4,4 1,5   2,4
EBITA -51 3   32
Bereinigtes Konzernergebnis -31 6   49
Bereinigtes Ergebnis je Aktie
(in €)
-0,76 0,15   1,23
Konzernergebnis -60 -6 -854 24
Operativer Cashflow 133 -25   110
Bereinigter operativer Cashflow 143 -8   181
Free Cashflow 129 -36   57
Bereinigter Free Cashflow 139 -19   128
Investitionen in Sachanlagen 6 14 -55 64
Mitarbeiter
(Anzahl zum Stichtag)
31.533 37.469 -16 34.120